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Ich bin 8 und weiß noch nicht, dass ich einen Körper habe, den ich modellieren, schmücken und andere mit ihm manipulieren kann. Er ist für mich nur ein Instrument, um mit unendlicher Ausdauer, wild und ungeschickt weite Strecken zu rennen, Fußbälle zu treten, Federball zu spielen. Meine Haare sind mir egal. Nur bei sehr kaltem Wetter stelle ich gelegentlich fest, dass es gut ist, dass sie da sind. Ich ekele mich vor Nagellack, vor allem vor dem Roten, so sehr, dass mir einmal bei meiner Deutschlehrerin beinahe übel wird, als ich ihre bepinselten Zehennägel sehe. Ich verbringe den Schultag größtenteils mit Jungs, denn ich spiele nicht gerne mit Puppen, kann keine Haare flechten und mag ungestüme Jungsspiele lieber. Mein bester Freund heißt Felix. Er ist extrem intelligent, schon jetzt ein Einserschüler; die Lehrer wollen ihn auf eine Schule für Hochbegabte schicken. Sein Lächeln ist warm und nett, er hat dunkle Haare und Augen, aber sein Aussehen interessiert mich nicht. Noch weiß ich nicht, dass ich ein Mädchen bin und er ein Junge und ich mir dazu etwas zu denken habe. Als mich mein Vater von der Schule abholt, sagt er, ich müsste dringend zum Frisör, mein kurzes Haar sähe aus wie das eines Straßenköters. Ich fange an zu jammern und tue empört. Ich rufe laut, dass ich gerne wie ein Straßenköter aussehe und in demselben Moment kommt uns eine ältere Frau entgegen, die kurz darüber lächelt. Mein Vater schüttelt den Kopf und kneift mir ins Ohr.

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